1. Februar 2011 – Probe im Musikverein

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Der Goldene Saal des Musikvereins – wir freuen uns immer wieder auf diesen wunderschönen Raum mit der vielleicht weltbesten Akustik. Doch schon zu Beginn der Probe zeigt sich eine weitere einzigartige Eigenschaft der Bühne: Mit alpinen Höhenverhältnissen zwischen den Podesten bedarf es einer ausgeklügelten Sitzordnung, um die Staatskapelle in großer Besetzung optimal in Spielposition zu bringen. Kleine Schemel zur Sicherung der absturzgefährdeten Antikpulte, „Halbstühle“ mit abgesägten Beinen, die platzsparend auf zwei Ebenen postiert werden können, und vieles mehr beanspruchen das ganze Können unserer tapferen Orchesterwarte unter der immer gelassenen Anleitung des umsichtigen Orchestermanagers Herrn Küchler.

Doch dann – es ist noch kein Ton erklungen – ist der Maestro unzufrieden, wie seine Musiker aufgestellt sind. Daniel Barenboim kennt den Musikvereinssaal vermutlich besser als sein Wohnzimmer und weiß um die Tücken von zu hoch postiertem Blech und versprengten Streicherpulten. Also muss alles nochmal umgebaut werden, wobei der agile Meister auch selbst Hand anlegt. Was ihn nicht daran hindert, staunenswerte Omnipräsenz an mehreren Stellen der Bühne zu zeigen: Eben noch hinter den Kontrabässen, winkt er im nächsten Moment die Bratschenpulte in die Auftakt-Einflugschneise ein und klärt zwischendurch schnell eine heikle Stelle mit dem Solo-Oboisten.

Dann beginnt die Probe, es spricht die Musik und aus dem Bühnenarchitekten wird ein immer wieder an Details feilender Orchestererzieher. Denn nicht nur die Sitzordnung, auch Balance, musikalische Linien, Übergänge und Dynamik wollen aufs Feinste justiert sein. Immer wieder das Bemühen um Durchdringung („Versteht Ihr, was ich meine?“) bei gleichzeitig ökonomischster Probenarbeit. Schließlich heißt es „Braucht jemand noch etwas? Nein? Guten Appetit!“ und die Kollegen eilen zurück ins Hotel, ein Schnitzel essen und noch ein paar schwere Stellen üben. Die Orchesterwarte sind derweil schon wieder Richtung Saal unterwegs, um letzte Hand an den Aufbau zu legen. Sie sind die zumeist unsichtbaren Helden, denn erst durch ihre Arbeit kann der Abend zum Erfolg werden….

Wolfgang Hinzpeter

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