Abu Dhabi – mit Burka und I-Phone

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Kurz nach Mitternacht Ortszeit, Ankunft auf dem Flughafen Abu Dhabi: ein Gedränge wie zur Hauptverkehrszeit am Bahnhof Friedrichstraße, exotischste Mischung aus Burnus, Turbanen und westlichen Geschäftsanzügen. Nachtbaustellen mit Flutlicht lassen elegante Wolkenkratzer in atemberaubendem Tempo in den blauen Himmel wachsen – das würde man sich auch für die heimische Staatsopern-Baustelle Unter den Linden wünschen.

Und auch tags darauf präsentiert sich das Reich des schwarzen Goldes als eine Welt der Gegensätze. Eine faszinierende Kunstwelt, der Wüste abgetrotzt, macht staunen – Bewunderung der Architektur und Großzügigkeit der Anlage mischt sich mit bedenklichen Tönen über den Preis: Bei Spritpreisen von 17 Cent und Öl als Basis eines unermesslichen Reichtums spielt Nachhaltigkeit und Umweltschutz eine eher untergeordnete Rolle….
Wir baden trotzdem im Meer, staunen über Badeburkas bei den Damen, (die aber auch einen eigenen abgeschotteten „Ladies Beach“ haben) und erkunden Abu Dhabis Innenstadt, deren älteste Gebäude aus den 70er Jahren stammen. Dann ruft der Muezzin zum Nachmittagsgebet und wir eilen zurück ins Hotel, noch ein paar Töne mit Hoteldämpfer spielen, letzten Schliff für den Abend. Dann das Konzert im Emirates Palace, dem als Tagungsort für den arabischen Staatenbund entworfenen Palast, der nun aber zum Luxushotel umfunktioniert worden ist. Begeisterung ob der überbordenden maurischen Verzierungen, der großzügigen Anlage und der palmengesäumten Terrasse am Meer – 1001 Nacht. Auch der Saal bleibt dem treu und präsentiert sich als ein Stilmix aus Walt Disney und Metropolis. Dafür, dass uns die Vorliebe der Orientalen für Teppiche akustisch nicht zum Verhängnis wird, hat ein alter Bekannter gesorgt: Die Einrichtung mit künstlichem Nachhall hat ein deutscher Akustiker „gezaubert“, der auch das heimische Schillertheater hörkosmetisch überarbeitet hat. Großes Hallo – die Welt ist doch klein….

Trotz Kinoambiente geht das Publikum mit und die Kapelle muss sich noch mit einer Zugabe bedanken. Am nächsten Vormittag dann ein völlig anderes Konzertgefühl: Beim Kinderkonzert erklärt Daniel Barenboim einfühlsam und anschaulich Orchester, Instrumente – und gleich zu Beginn, wer hier die Autorität ist: Jetzt sagt die rechte Hälfte „Good morning“, dann die Linke und am Schluss die Mitte – zum zwingenden Dirigat des Maestro! Eindrucksvoller geht es nicht.
Zwischen den Sätzen der „Vierten“ von Tschaikowsky bleibt Zeit für Fragen: Wie viel habt Ihr geprobt? Wer spielt am höchsten? Und Barenboim, Gründer des Musikkindergartens, ist um Antworten nicht verlegen. Dass manch kleines Geschwisterchen dazwischen quäkt, trägt eher zur guten Stimmung der Veranstaltung bei. Es bleibt noch Zeit für einen Kaffee am Hotelpool – auch hier neben leicht bekleideten Europäerinnen voll verschleierte Einheimische, die das Kunststück fertig bringen, ihr goldenes I-Phone zu bedienen, ohne auch nur Teile des Gesichts zu zeigen. Dann ist es Zeit, sich von diesem Ort der Gegensätze zu verabschieden und nach Qatar aufzubrechen.

Wolfgang Hinzpeter
Bratscher

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