Samstag, 10. Juli 2010, 22.30 Uhr

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Es ist Samstagabend, der 10. Juli 2010, Deutschland hat soeben gegen Uruguay im Spiel um Platz 3 bei der Fußball-WM 2010 gewonnen. Die Konzertbesucher erwarten die ersten Klänge von Beethovens Klavierkonzert N° 4, Fächer werden gewedelt. Es ist unfassbar heiß (selbst ich bin inzwischen quasi gezwungene Besitzerin eines Fächers geworden), aber nicht nur die Temperaturen verursachen die Hitze, man verspürt auch deutlich die Spannung, die in der Luft liegt. Auch ich bin gespannt, eher angespannt – wie vor jedem Konzert der Staatskapelle habe ich Lampenfieber für alle Musiker zusammen. Und doch strahlt der Palacio Carlos V in Granada eine beruhigende Atmosphäre aus. Für mich ist es eine der schönsten Spielstätten, die ich bis jetzt sehen und hören konnte. Applaus, das Konzert beginnt… und durch meinen Kopf fließen die Gedanken…: Vor mir auf der Bühne sehe, höre und erlebe ich das musikalische Endergebnis einer umfassenden Gesamtplanung und Organisation einer Staatskapellen-Tournee.

Sie müssen wissen: Ich bin weder ein Mitglied des Orchesters, noch ein „normaler“ Konzertbesucher. Meine Position befindet sich irgendwo im Orchesterbüro, zwischen musikalischer Leitung, Organisation, Planung, Veranstaltern, Direktoren, Managern, Musikern und Publikum. Von den ersten Terminen, der Anzahl der Mitreisenden, Besetzungslisten, Namen, Flugdaten, extra Flügen, privaten Mitreisenden über Krankheitsfällen und den damit verbundenen zwangsläufigen Ersatzeinsätzen, Umbuchungen und dem alltäglichen Geschäft, ist irgendwann das geplante Gesamtkonzept der Reise umgesetzt. Nämlich dann, wenn sich alle Musiker für das Konzert auf der Bühne versammeln. Einer jener Momente einer Gastspielreise, bei denen ich es immer wieder erstaunlich – und doch nie undenkbar – finde, dass wir es geschafft haben.
Während ich der Gesamtheit von Bruckners 6. lausche, sehe ich die einzelnen Musiker ganz anders als der normale Konzertbesucher. Hinter jedem Instrument steckt ein Individuum – umso schöner, zu erleben, dass sich dieser musikalische Mikrokosmos auf der Bühne zu einem harmonischen Ganzen zusammen findet, man auf der Bühne kommuniziert – und nicht nur mit dem Dirigenten, sondern auch untereinander, ein kurzes herzliches Lächeln an den Pultnachbarn sendet, sich der Musik hingibt und kurz darauf wieder höchstkonzentriert dem Werk.
Die letzten Klänge des vierten Satzes stehen nun erhaben in und über den Mauern des Palacios. Kurze Stille. Dann der Applaus – irgendwie erscheint mir der Beifall leise. Das liegt allerdings an der vorherigen Wucht der Musik, nicht etwa an einem verhaltenen Publikum. Erste Bravorufe. Und ich denke erschöpft (ich weiß, völlig zu Unrecht – aber Bruckners 6….!!!) an den wundervollen Heimweg, steil bergauf durch den nächtlichen Garten der Alhambra.

Um es frei nach den Worten von Francisco Alarcón de Icaza zu formulieren: Die größte Strafe wäre es, in Granada blind und taub zu sein.

Alexandra Uhlig
Orchesterbüro

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