Archive for Juli 2010

10. Juli 2010 – Impressionen rund um die Alhambra

Juli 12, 2010

Wieder ein Tag, an dem die gluehende Sonne Granadas auf die weisse Stadt herunterbrannte. Bei unerbittlichen 40 Grad Celcius verbringen wir ihn alleine, mit unseren Kollegen oder unseren Lieben in der Stadt auf Entdeckungstour, in der Tapasbar bei Gazpacho, in der rauhen Umgebung Andalusiens oder aber am kuehlenden Pool. Aus den Zimmern unseres Hotels hoert man immer wieder die verschiedensten Instrumente erklingen. Gleich gegenueber befindet sich die Alhambra, die mit ihrem wunderschoenen Renaissance – Bau „Palacio Carlos V“ Ort unserer Konzerte und Proben ist. Erst in den Abendstunden, bei angenehmeren 37 Grad Celsius und etwas Schatten, gehen wir mit unserem Chef noch einmal schwierige Stellen und Uebergaenge durch. Nachdem am Abend zuvor schon Daniel Barenboim unserem Solo-Klarinettisten Heiner Schindler anlaesslich seines Abschiedes eine Zugabe gewidmet hatte, bereiteten ihm heute unsere Blechblaeser ein ehrenvolles Staendchen. Nachdem Heiner 24 Jahre lang bei uns kunstvoll die Solo-Klarinette spielte und eine ganz dicke Saeule sowohl in kuenstlerischer als auch in persoenlicher Hinsicht in unserem Orchester war, geht er nun als Professor an die Hochschule fuer Musik und Theater nach Rostock.
Am Abend standen dann das Klavierkonzert Nummer 4 von L.v. Beethoven und die 6. Sinfonie von A. Bruckner auf dem Programm. Die Besucher sind auffallend festlich angezogen und jeder von ihnen versucht, vor Beginn des Konzertes noch einen Moment den Ausblick auf das erleuchtete Granada zu geniessen.
Dann geht es los – die zarten, leisen Klaenge gefolgt von gewaltigen und beherzten Akkorden erheben sich in den offenen, tiefblauen, sternenbedeckten Himmel. Gerade die Blechblaeser mit ihren herrlich majestaetischen Instrumenten passen so gut hier in diese Staette. Ganz zart klingen die Streicher, die die Toene der Holzblaeser tragen. So zart, dass man leise das Faecherklappern der spanischen Besucherinnen hoeren kann. So traegt die ganze ergreifende Atmosphaere dieses altehrwuerdigen Palastes zu einem eindruecklichen Musikabend bei.
50 Minuten nach Mitternacht (!) entlaesst uns das Publikum mit langanhaltendem Applaus und Bravo – Rufen.

Hartmut Schuldt (Klarinette)
Gerlind Schuldt (Tochter)

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Samstag, 10. Juli 2010, 22.30 Uhr

Juli 11, 2010

Es ist Samstagabend, der 10. Juli 2010, Deutschland hat soeben gegen Uruguay im Spiel um Platz 3 bei der Fußball-WM 2010 gewonnen. Die Konzertbesucher erwarten die ersten Klänge von Beethovens Klavierkonzert N° 4, Fächer werden gewedelt. Es ist unfassbar heiß (selbst ich bin inzwischen quasi gezwungene Besitzerin eines Fächers geworden), aber nicht nur die Temperaturen verursachen die Hitze, man verspürt auch deutlich die Spannung, die in der Luft liegt. Auch ich bin gespannt, eher angespannt – wie vor jedem Konzert der Staatskapelle habe ich Lampenfieber für alle Musiker zusammen. Und doch strahlt der Palacio Carlos V in Granada eine beruhigende Atmosphäre aus. Für mich ist es eine der schönsten Spielstätten, die ich bis jetzt sehen und hören konnte. Applaus, das Konzert beginnt… und durch meinen Kopf fließen die Gedanken…: Vor mir auf der Bühne sehe, höre und erlebe ich das musikalische Endergebnis einer umfassenden Gesamtplanung und Organisation einer Staatskapellen-Tournee.

Sie müssen wissen: Ich bin weder ein Mitglied des Orchesters, noch ein „normaler“ Konzertbesucher. Meine Position befindet sich irgendwo im Orchesterbüro, zwischen musikalischer Leitung, Organisation, Planung, Veranstaltern, Direktoren, Managern, Musikern und Publikum. Von den ersten Terminen, der Anzahl der Mitreisenden, Besetzungslisten, Namen, Flugdaten, extra Flügen, privaten Mitreisenden über Krankheitsfällen und den damit verbundenen zwangsläufigen Ersatzeinsätzen, Umbuchungen und dem alltäglichen Geschäft, ist irgendwann das geplante Gesamtkonzept der Reise umgesetzt. Nämlich dann, wenn sich alle Musiker für das Konzert auf der Bühne versammeln. Einer jener Momente einer Gastspielreise, bei denen ich es immer wieder erstaunlich – und doch nie undenkbar – finde, dass wir es geschafft haben.
Während ich der Gesamtheit von Bruckners 6. lausche, sehe ich die einzelnen Musiker ganz anders als der normale Konzertbesucher. Hinter jedem Instrument steckt ein Individuum – umso schöner, zu erleben, dass sich dieser musikalische Mikrokosmos auf der Bühne zu einem harmonischen Ganzen zusammen findet, man auf der Bühne kommuniziert – und nicht nur mit dem Dirigenten, sondern auch untereinander, ein kurzes herzliches Lächeln an den Pultnachbarn sendet, sich der Musik hingibt und kurz darauf wieder höchstkonzentriert dem Werk.
Die letzten Klänge des vierten Satzes stehen nun erhaben in und über den Mauern des Palacios. Kurze Stille. Dann der Applaus – irgendwie erscheint mir der Beifall leise. Das liegt allerdings an der vorherigen Wucht der Musik, nicht etwa an einem verhaltenen Publikum. Erste Bravorufe. Und ich denke erschöpft (ich weiß, völlig zu Unrecht – aber Bruckners 6….!!!) an den wundervollen Heimweg, steil bergauf durch den nächtlichen Garten der Alhambra.

Um es frei nach den Worten von Francisco Alarcón de Icaza zu formulieren: Die größte Strafe wäre es, in Granada blind und taub zu sein.

Alexandra Uhlig
Orchesterbüro

Vom Fußball- ins Reisefieber

Juli 8, 2010

Heute war Reisetag. Nach einer kurzen und lauten Nacht haben sich knapp 100 Musiker heute Morgen um 10 Uhr in die Busse manövriert, was durchaus eine gewisse Zeit beanspruchte. Gestern Nacht ist Madrid noch weniger zur Ruhe gekommen als sonst – die Spanier feierten lautstark ihren Sieg über Deutschland. Wir konnten nur noch die letzten Minuten mit langen Gesichtern verfolgen und uns dann bei einem Glas Wein oder Bier trösten.

Das Konzert gestern lief sehr gut, es war nur unglaublich heiß auf der Bühne – eigentlich denkt man, so kann man überhaupt nichts zustande bekommen. Wie Daniel Barenboim all das durchsteht, ist schon phänomenal.
Heute dann wie gesagt 450 km mit dem Bus nach Granada. Zug wäre noch umständlicher gewesen, und eigentlich ging es gut, außer dass in einem Bus kurz vor Granada die Klimaanlage ausfiel. Nach der Ankunft geht immer der Sturm auf die Zimmerschlüssel los und meistens finden sich nach kurzer Zeit wieder einige Kollegen in der Lobby ein, um ihre Zimmer zu tauschen. Bei den kleineren Hotels gibt es sehr verschiedene Zimmer, teilweise dunkel, laut, zu klein usw. und da möchte man einfach nicht bleiben. Zumal man doch einen großen Teil der Zeit auf dem Zimmer ist, weil es einfach zu warm (36 Grad) ist, um etwas zu unternehmen. Und üben möchte man ja auch in einigermaßen guter Atmosphäre. Heute ist ansonsten nichts mehr, wir haben einen freien Abend und viele Kollegen werden sich aufmachen in dieses Kleinod von Stadt. Granada ist den meisten von uns vertraut und wir kommen ausgesprochen gern hierher.
Ich werde mich jetzt auch wegbewegen, vorher aber noch mal in den Pool springen, da mir schon vom Schreiben viel zu heiß geworden ist.

Es grüßt ganz herzlich
Susanne Schergaut

Zum Abschluss der Saison: Die Staatskapelle Berlin in Spanien

Juli 7, 2010

„0:20, 32 Grad Celsius“ sagt die Anzeige an der Gran Via: Madrid ist selbst nach Mitternacht noch ein heißes Pflaster. Sommer“frische“ hieße übertreiben…

Wie schon vor gut 14 Tagen in der Berliner Philharmonie wurde Bruckners „Fünfte“ gestern Abend auch im Auditiorio Nacional in Madrid mit frenetischem Applaus gefeiert. Mit Spannung geht es nun auf die „Sechste“ zu, die heute pikanterweise mit dem Halbfinalspiel Spanien-Deutschland konkurriert. In Deutschland hätte man Angst, dass in so einem Fall niemand zum Konzert kommt. Doch hier haben wir schon auf dem Weg vom Flughafen die Landesfarben an bewimpelten Hauptstadt-Autos „vermisst“, die einem in Berlin als unverkrampfter(?) Umgang mit farbenfrohen Nationalsymbolen schon zur Gewohnheit geworden sind. Aber vielleicht sind wir Deutschen eben auch beim Feiern besonders gründlich…

Jedenfalls ist in Madrid von Fußballfieber kaum etwas zu spüren, wenn man zwischen Probe und Konzert durch die Einkaufsstraßen stromert. Dabei kommen wir an unserem alten „Stammhotel“, dem Emparador, vorbei – Schauplatz für unzählige Orchester-Legenden, war die Kapelle doch mit mehreren Wagner- und Strauss-Opern als Sommerresidenz viele Jahre im Teatro Real zu Gast. Man fühlt sich zuhause, hat herrliche Stammkneipen und -bars und vermisst im neuen Hotel nur den Swimming-Pool auf dem Hoteldach (der mehr oder weniger legal in so mancher Nacht über riskante Schleichwege frequentiert wurde).

Entspannt auch die Probenatmosphäre: Ein nach dem „Bruckner-Marathon“ in Berlin, der anschließenden Kurztournee mit den Chopin-Klavierkonzerten und vor allem angesichts der argentinischen 0:4 Niederlage erstaunlich lockerer Daniel Barenboim arbeitet intensiv, ökonomisch – und humorvoll: „Haben Sie keine Angst vor dem Einsatz: Die argentinische Mannschaft hat auch Angst gehabt, und dann ging es daneben“.

Nachdem vor der Probe noch das Schlafdefizit der Ankunftsnacht mit perfekt ausgerichteter Pausengastronomie ausgeglichen werden musste, entsteht am Abend doch ein gewisser Sportsgeist in den Umkleiden:

Entsprechend inspiriert trotz hoher Temperatur dann das Konzert. Begeisterung beim Publikum. Es scheint, als ob wir mit unserer jahrelangen Wagner-Pflege hier eine gute Basis für die „schwere Kost“ der für so manchen überlangen Bruckner-Sinfonien geschaffen haben. Markanter Unterschied zum nordeuropäischen Publikum und willkommenes Lokalkolorit sind die zahlreichen Fächer, mit denen sich elegante spanische Damen Erfrischung verschaffen – olé !

Wolfgang Hinzpeter