Die Bratschen OP

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20.30 Uhr, Donnerstag

Klar, dass das passieren musste: Vorgestern im knochentrockenen, sibirischen Berlin bei fast 20 Grad minus, heute im schneelosen Nieselregen Londons – da spielt selbst ein ansonsten zuverlässiges Instrument verrückt. Glück im Unglück: „Mein“ Geigenbauer Peter weilt zufällig gerade in London und kommt zur Hausvisite ins Hotelzimmer. Da er das Instrument gebaut hat und meine Vorlieben gut kennt, ist es eine Sache von nicht einmal einer Stunde, bis der Klang wieder „staatstragend“ ist…gut, dass man im Hotel keine Nachbarn hat! Zur Nachbesprechung geht es ins trendige Ping Pong, wo bereits Peters Maya wartet. Dim Sum satt und viel Spaß bei mehreren Kännchen Sake runden den Abend ab und wir verabreden uns zur Probe. Maya freut sich sehr, sie kennt viele Kollegen und hat in Daniel Barenboims West-Eastern-Divan-Orchestra Bratsche gespielt.

10.00 Uhr, Freitag

Gut erholt und vom Frühstücksbuffet gestärkt gehen wir zur Probe. Daniel Barenboim freut sich sehr, Maya wiederzusehen und akzeptiert ihre Entschuldigung für abgesagte Divan-Arbeitsphasen: Mit Termin im März ist sie unübersehbar hochschwanger. Nachdem das heutige Geburtstagskind, unsere junge Bratschistin Stanislava „Sissi“ Stoykova, traditionsgemäß mit einem Orchestertusch „in Es-Dur“ gefeiert wird, probt Daniel Barenboim wie immer äußerst effizient. Die Tücken des Saals kennt er genau und balanciert die riesig besetzte Staatskapelle in Schönbergs „Pelleas und Melisande“ aus: „7.,8.Horn, Posaune, Tuba, 2.Fagott leiser, Bratschen erste divisi ein bisschen mehr“ usw. Merkwürdigerweise aber wirkt das nicht trocken, er lässt etwas spielen, arbeitet einige Charakteristika mehr heraus, motiviert hier, dämpft dort – nach 40 Minuten kann für das Klavierkonzert umgebaut werden. Zwischenapplaus von den zahlreich erschienenen Probenbesuchern, für die wir uns artig verbeugen. Dann wie immer der doppelte Genuss des sehr kammermusikalischen Klavierkonzerts: Wenn der Pianist Barenboim zaubert und einen auf die Reise mitnimmt, kann man sich selten der Faszination dieser Doppelbegabung entziehen. Höchste Konzentration auf Gesten, Mimik und den Solopart des Maestro, man kennt sich genau und doch wird nichts zur Routine. Begeisterung im Publikum, die Ankündigung „the return oft he master“ ist wohl keine Übertreibung.

12.00 Uhr

Ohne Essen geht es nicht; schnell die Instrumente ins Hotel und sich einer der zahlreichen Gruppen anschließen, die das Notwendige mit dem Angenehmen verbinden und auf kulinarische Entdeckungstour gehen. Geigenbauer Peter ist heute früh in den Eurostar gestiegen, Grund genug, seine Maya auszuführen, die mit einem Geheimtipp schnell bei der Hand ist: „The Cinnamon Club“ erweist sich als Volltreffer mit gediegenem Ambiente und unglaublich guter Küche. Bezahlbar ist es mittags auch, und wir genießen das Dreigangmenu in der ehemaligen Bibliothek in vollen Zügen. Auf dem Rückweg schauen wir uns noch Chinatown an und legen eine Gedenkminute vor einem anderen Restaurant ein: 2003 mussten wir in London für zwei Tage einen Hornisten zurücklassen, der nach dem Genuss exotischer Fischgerichte prägende Erfahrungen mit dem britischen Gesundheitssystem machen konnte.

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3 Antworten to “Die Bratschen OP”

  1. sandra Says:

    Es ist wircklich sehr nett, einen kleinen Insider-Blick auf so eine Truppe zu haben und die altäglichen unannehmlichkeiten mitzubekommen. Auch festzustellen, daß nicht nur großartige Musiker sondern auch deren Instrumenten manchmal auch nur Menschen sind. Ich war selber das letze mal in London 2 Tage krank ….. glups!…. bin ich vielleicht eine Violine?

    PS Ich freue mich aufs Wiederhören in Paris

  2. flori Says:

    ist ja ganz nett, diese Idee des Bloggens von Euch Orchesterleuten – ein wenig nervt der Geschmack der Selbstbeweihräucherung und der Heldenverehrung (Barenboim!!) aber schon… Selbstbewußtsein ist gut und wichtig, aber übertreiben sollte man`s lieber nicht- gerade als Musiker und Künstler nicht. Wie viel lieber sind mir da Bescheidenheit und stets selbstkritische Reflektion, Übervater B. und Ovationen des Publikums hin oder her.

  3. Hans Says:

    Das sehe ich anders. Es ist doch erstaunlich, dass Musiker, die es gewöhnt sind mit großen Künstlern und Dirigenten zu arbeiten und die selbst in einem Spitzenorchester spielen, immer noch beeindruckt sind von solchem Können und solchen Publikumsreaktionen. Ich finde das hat nichts mit Beweihräucherung oder Heldenverehrung zu tun. Wenn es so ist, warum sollen sie es dann nicht auch schreiben? Schlimmer wäre es doch, wenn sie nicht mehr zu schätzen wüssten in einer solch profilierten Situation arbeiten zu können und Standing-Ovations für alltäglich halten. Abgesehen davon glaube ich nicht, dass sie verpflichtet sind so über ihren Chef zu schreiben. Ich finde dieser Blog zeigt, dass die Staatskapelle kein Orchester ist, was durch die Welt reist und für viel Geld Konzerte gibt, sondern das sein Publikum auf diese Weise mitnimmt und Erfahrungen teilt. Vielen Dank für die schönen Berichte und Eindrücke aus London! Ich freue mich auf Paris und weitere spannende Geschichten rund um die Konzerte!

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