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4. Februar – Sturm auf die Bastille

Februar 4, 2010

Der erste freie Tag – das verführt im vorfrühlingshaften Paris zum Bummel durch Marais mit seinen kleinen Boutiquen und vorzüglichen Restaurants. Nach der tarte tatin klingelt das Handy: Es ist Phillippe Jordan, mit dem die Staatskapelle eine sehr freundschaftliche Beziehung hat, seit er als Assistent von Daniel Barenboim Ende der 90er Jahre nicht nur annähernd das gesamte Repertoire dirigiert, sondern auch viel Kammermusik mit uns Kollegen gemacht hat. Wir hatten uns locker verabredet, schnell bin ich an der Bastille-Oper und  komme unerwartet in den Genuss einer exklusiven Opernführung durch den frischgebackenen Generalmusikdirektor. Er zeigt mir das gigantische Haus, das über 2700 Zuschauern Platz bietet, allein vier Seiten- und eine 1:1 Hinterbühne auf Hauptbühnenniveau hat, darunter noch einmal ebenso viel Platz bietet und auf eine Gesamtfläche 160000 Quadratmetern kommt!! Die Staatsoper mit ihrer nostalgisch-musealen Technik wirkt vor den Dimensionen des Ende der 80er Jahre eröffneten Hauses wie die Gorch Fock im Vergleich zu einem atomgetriebenen Flugzeugträger.

Mit keinem geringeren Werk als Wagners „Ring“ wird Jordan hier seinen Einstand geben, trotzdem hat der vielbeschäftigte Dirigent noch Zeit für einen ausgiebigen Plausch in seinem Büro – bei Sonnenuntergang mit grandiosem Blick über Paris. Morgen wird er in unser Konzert kommen, vielleicht gibt es danach noch Gelegenheit, mit ihm auf die „alten Zeiten“ anzustoßen: Phillippe war an der Staatsoper so beliebt, dass damals die gesamte Belegschaft zu seiner Abschiedsfeier ein selbstgemachtes kaltes Buffet zusammentrug. Und vermutlich ist es nicht ganz auszuschließen, dass auch für unseren „Principal Guest Conductor a.D.“ gilt: „Ich hab noch einen Koffer in Berlin“ …

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1. Februar – Kontaktaufnahme mit dem Publikum

Februar 2, 2010

Eigentlich schade, man spielt vor tausenden von Leuten in unterschiedlichsten Städten und hat doch selten direkten Kontakt mit dem Publikum. Abhilfe können Pre-oder Post-Concert-Lectures mit Gästen schaffen: Eine Art Einführungsvortrag mit Insiderinformationen und besonderen Gästen. In Amerika haben wir teilweise vor mehreren Hundert Zuschauern gesessen, hier in London war es heute eine eher kleine aber feine Runde von vielleicht 80 Zuschauern, die nach dem Konzert noch ins Foyer kamen, wo eine kleine „Talkshow“ mit Staatskapellenmusikern angekündigt war. Nach dem sensationellen vierten Klavierkonzert (selten habe ich solch spontane stehende Ovationen erlebt!) gilt es nun, umzuschalten und sich auf die Vermeidung von Germanisms zu konzentrieren. Im Gegensatz zu meinem Chef, der mühelos von einer zur anderen Sprache wechseln kann (und derer mindestens sechs virtuos beherrscht), dauert es bei mir immer eine Weile, bis ich im Englischen wieder zuhause bin. Doch dank meiner Mitstreiter entwickelt sich schnell ein nettes Gespräch – die Moderatorin macht ihre Sache ganz prima, und Fabian kann nicht nur fantastisch Oboe spielen, sondern ist stets auch ein guter Partner bei Gesprächen. Neben Fragen zu Geschichte und Arbeitsalltag („wie viel haben Sie für den Schönberg heute probiert?“) wird man sehr oft auf den besonderen Klang der Staatskapelle angesprochen. Ein schwer zu konkretisierendes Phänomen, das nur zum Teil damit erklärbar ist, dass viele Kollegen selbst Schüler von Staatskapellenmusikern waren und jetzt wiederum die Spieltradition an die Akademisten weitergeben. Obwohl mit Fabian ein lebendes Beispiel hierfür auf dem Podium sitzt, sind wir uns einig, dass auch Dinge wie gemeinsame Klangvorstellung oder Ideen vom musikalischen Miteinander vor allem vom Chefdirigenten gefördert werden müssen. Mit seinem sehr zitier-tauglichen Bild vom wertvollen antiken Möbel, das man sehr behutsam aufarbeiten muss, trifft da Daniel Barenboim ziemlich ins Schwarze. Auch die Altersstruktur des Publikums ist Gegenstand der Diskussion: Offenkundig hat man sich in London zu diesem Thema schon recht früh Gedanken gemacht und sie so in die Tat umgesetzt, dass wir hier ein erfreulich durchmischtes Publikum aller Altersgruppen haben. Da gibt es in Berlin noch Nachholbedarf, wie man übereinstimmend feststellt. Wie ist der Zugang der Orchestermusiker zu Schönberg, jenem Erfinder der Zwölftonmusik, der selbst davon ausging, dass seine Melodien Ende des 20.Jahrhunderts auf der Straße wie Gassenhauer gepfiffen werden? Wird in Berlin viel neue Musik gespielt? Was ist der Vorteil eines gleichermaßen in Sinfonik wie in Oper beheimateten Orchesters? Wann wurde der Musikkindergarten gegründet und was wird dort gemacht? Zu vielen Punkten könnte man stundenlang erzählen, und die 20 Minuten vergehen wie im Fluge. Ein paar nette Fragesteller belagern uns noch kurz mit Fachlichem, dann geht´s zurück ins Hotel. Moment mal, was habe ich da eben gesummt? Die heute von der Solobratschistin so wunderbar zart gespielte Melodie aus dem zweiten der „fünf Stücke“? Da hat Schönberg am Ende wohl doch recht behalten….

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Die Bratschen OP

Januar 30, 2010

20.30 Uhr, Donnerstag

Klar, dass das passieren musste: Vorgestern im knochentrockenen, sibirischen Berlin bei fast 20 Grad minus, heute im schneelosen Nieselregen Londons – da spielt selbst ein ansonsten zuverlässiges Instrument verrückt. Glück im Unglück: „Mein“ Geigenbauer Peter weilt zufällig gerade in London und kommt zur Hausvisite ins Hotelzimmer. Da er das Instrument gebaut hat und meine Vorlieben gut kennt, ist es eine Sache von nicht einmal einer Stunde, bis der Klang wieder „staatstragend“ ist…gut, dass man im Hotel keine Nachbarn hat! Zur Nachbesprechung geht es ins trendige Ping Pong, wo bereits Peters Maya wartet. Dim Sum satt und viel Spaß bei mehreren Kännchen Sake runden den Abend ab und wir verabreden uns zur Probe. Maya freut sich sehr, sie kennt viele Kollegen und hat in Daniel Barenboims West-Eastern-Divan-Orchestra Bratsche gespielt.

10.00 Uhr, Freitag

Gut erholt und vom Frühstücksbuffet gestärkt gehen wir zur Probe. Daniel Barenboim freut sich sehr, Maya wiederzusehen und akzeptiert ihre Entschuldigung für abgesagte Divan-Arbeitsphasen: Mit Termin im März ist sie unübersehbar hochschwanger. Nachdem das heutige Geburtstagskind, unsere junge Bratschistin Stanislava „Sissi“ Stoykova, traditionsgemäß mit einem Orchestertusch „in Es-Dur“ gefeiert wird, probt Daniel Barenboim wie immer äußerst effizient. Die Tücken des Saals kennt er genau und balanciert die riesig besetzte Staatskapelle in Schönbergs „Pelleas und Melisande“ aus: „7.,8.Horn, Posaune, Tuba, 2.Fagott leiser, Bratschen erste divisi ein bisschen mehr“ usw. Merkwürdigerweise aber wirkt das nicht trocken, er lässt etwas spielen, arbeitet einige Charakteristika mehr heraus, motiviert hier, dämpft dort – nach 40 Minuten kann für das Klavierkonzert umgebaut werden. Zwischenapplaus von den zahlreich erschienenen Probenbesuchern, für die wir uns artig verbeugen. Dann wie immer der doppelte Genuss des sehr kammermusikalischen Klavierkonzerts: Wenn der Pianist Barenboim zaubert und einen auf die Reise mitnimmt, kann man sich selten der Faszination dieser Doppelbegabung entziehen. Höchste Konzentration auf Gesten, Mimik und den Solopart des Maestro, man kennt sich genau und doch wird nichts zur Routine. Begeisterung im Publikum, die Ankündigung „the return oft he master“ ist wohl keine Übertreibung.

12.00 Uhr

Ohne Essen geht es nicht; schnell die Instrumente ins Hotel und sich einer der zahlreichen Gruppen anschließen, die das Notwendige mit dem Angenehmen verbinden und auf kulinarische Entdeckungstour gehen. Geigenbauer Peter ist heute früh in den Eurostar gestiegen, Grund genug, seine Maya auszuführen, die mit einem Geheimtipp schnell bei der Hand ist: „The Cinnamon Club“ erweist sich als Volltreffer mit gediegenem Ambiente und unglaublich guter Küche. Bezahlbar ist es mittags auch, und wir genießen das Dreigangmenu in der ehemaligen Bibliothek in vollen Zügen. Auf dem Rückweg schauen wir uns noch Chinatown an und legen eine Gedenkminute vor einem anderen Restaurant ein: 2003 mussten wir in London für zwei Tage einen Hornisten zurücklassen, der nach dem Genuss exotischer Fischgerichte prägende Erfahrungen mit dem britischen Gesundheitssystem machen konnte.


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