Kein (Bratschen-)Witz

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“Oh, seht mal, da kommt eine Bratsche angelaufen!“ ruft ein Kollege im Shuttlebus auf dem Pariser Flughafen. Tatsächlich: Eine Dame mit Sicherheitsweste hastet aus dem eben verlassenen Flieger von Wien, im Arm unverkennbar ein Bratschenkasten. Doch wem gehört das wertvolle Instrument? „Namen!!“ skandieren die belustigten Kollegen. Die armen Bratscher, ohnehin schon mit unzähligen Witzen gestraft, bleiben jedoch unnachgiebig und halten dicht. Am Terminal dann die Auflösung, der Kollege war im ersten Bus und wartet schon auf sein Instrument.

Wie konnte das passieren? Hatte er vielleicht vergessen, dass sein Instrument nicht im Transporter mitgefahren war? Nein, er hatte sich um die im Flieger liegengebliebene Brille eines Cellisten gekümmert und darüber sein eigenes Gepäck vergessen. Eine Sehhilfe übrigens, die mittlerweile zu zweifelhaftem Ruhm gekommen ist: Musste doch Maestro Barenboim in Abu Dhabi mit dem Konzertbeginn warten, weil eben diese Brille noch gesucht wurde. Noch schlimmer ist es nur, wenn die Noten bei Konzertbeginn nicht auf dem Pult liegen. Passiert selten, aber eben doch alle Jahre wieder. Manchmal liegt das Material in einer anderen Mappe auf dem Nachbarpult, manchmal ist aber auch ein Kollege schuld, der die Stimme zum Üben im Hotel hatte und sie im Eifer der Konzertvorbereitung auf dem improvisierten Notenpult (Lampe, Fernseher…) liegengelassen hat. Paniksituation für die Orchesterwarte, die aber meist in allerletzter Sekunde noch ein Ersatzexemplar aus ihrer Notenkiste hervorzaubern. Hier heißt es bei drei Sinfonien, Klavierkonzerten und diversen in Einzelblättern herumfliegenden Zugaben den Überblick zu bewahren. Und die Haltung, wenn man als Musiker seinen Einzelauftritt mit dem verspäteten Corpus delicti hat. So geschehen auch vor nicht allzu langer Zeit in einem Berliner Restaurant, das einige Kollegen besuchten. Zwei Bratschisten aus einem anderen großen Berliner Orchester saßen mit Begleitung am Nebentisch, bereits beim Dessert. Irgendwann verabschiedete sich die leicht angeheiterte Gesellschaft. 10 Minuten später aber schlichen die beiden jungen Herren mit schuldbewusster Miene wieder ins Lokal. Mit den Worten „kein Kommentar bitte“ griffen sie unter den zuvor verlassenen Tisch – und holten ihre Bratschen hervor, die sie BEIDE vergessen hatten……

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